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Gartenzaunbekanntschaften

Wow, was für ein Jahr!
Nicht nur, dass uns das weltgesundheitliche und weltpolitische Geschehen weiterhin und zunehmend in Schrecken versetzt, nein, jeden von uns beschäftigen viele verschiedene kleine und große Dinge. Ich habe es in diesem Jahr geschafft mich nicht vollends von dem Übel da draußen beunruhigen zu lassen und wann immer es ging mit freudiger Begeisterung meinen Gemüsevorgarten aufgebaut. Es ist ein gutes Gefühl die Welt ein bisschen grüner zu machen.

Gemüse-Vor-Garten

Dass mein Gemüse im Vorgarten wächst ist relativ ungewöhnlich. Dass ich als erste Tat nach dem Kauf drei große Sträucher gefällt habe, ist ebenfalls ungewöhnlich. Und, dass jeder, der mich am Gartenzaun trifft mit vollen Händen weiterzieht ist überaus ungewöhnlich. Aber warum auch nicht?!

Es hat nur Vorteile, wenn es das Grundstück anbietet, den Gemüsegarten nach vorne raus anzulegen. Der ungenutzte Fleck Erde wird unumgänglich zum Meist-genutzten und aus einem mutmaßlichen Schandfleck ein Lieblingsort. Würdest du dich etwa auf einer Rasenfläche mit deinem Liegestuhl an die Straße setzen und in die Sonne schauen? Oder gar ein festliches Picknick in aller Einsehbarkeit vor dem Haus abhalten? Wohl kaum. Meist ist der Vorgarten ein Parkplatz oder eine arbeitsintensive Rasenfläche mit einem oder zwei Bäumen. Dabei geht doch so viel mehr!
Ich gestehe ein, wenn direkt vor dem Garten eine stark befahrene Straße entlang führt ist die Gemüsegartenidylle etwas gestört. Aber ernten kannst du dort trotzdem.

Ein weiterer großer Vorteil, dem ich selbst zunächst skeptisch gegenüber stand, ist der Gartenzauntratsch. Ich wohne in einem Dorf. Ein kleines Dorf und ja, ich bin hier freiwillig hergezogen. Neuigkeiten sprechen sich rasend schnell herum, so auch, dass es neue Eigentümer gibt, die als erstes alle Bäume umhauen…
Als mich mein neuer Nachbar, der mich noch nicht kannte, am ersten Tag mitten im Kirschlorbeergeäst fand und fragte, was ich denn da täte, wusste ich kaum, wie ich reagieren sollte. Was würde er mir glauben? „Ich bin die neue Eigentümerin, seit gestern.“ Da wäre es wohl weitaus glaubwürdiger, wenn ich mich ihm an seiner Haustür vorgestellt hätte und nicht gerade während ich einen Baum fälle. Nach einer selbstbewussten Antwort, dass hier ein üppiger Gemüsegarten entstehen soll, zog er wenig überzeugt wieder ab.
Ich bin ja froh, dass er die Augen offen hält.

Ähnlich skeptisch reagierte auch der Rest meiner direkten Nachbarn. Neues stößt doch zu oft auf Ablehnung.

Gartenzaungespräche

Erst als etwa im Mai tatsächlich Gemüse zu erahnen war und das Wetter die Menschen öfter wieder nach draußen lockte, schien bei meinen Nachbarn angekommen zu sein, dass ich die Bäume nicht für einen Schottergarten gefällt habe. Das schien ihnen an sich zu gefallen.
Das Durchschnittsalter meiner Gartenzaungesprächspartner liegt schätzungsweise bei 40+. Ich will hier keinem zu nahe treten, aber mir scheint, dass diese Generation, die zu Jugendzeiten im Garten helfen musste, eine grundlegende Abneigung gegen Gartenarbeit entwickelt hat. „Gemüsegärten machen Arbeit!“ Das ist zu meinem Leid der meist genannte Satz an meinem Gartenzaun. Dabei machen Gemüsegärten weniger Arbeit als deren Image voraussagt. Letztendlich schaffe ich es bis heute kaum mehr als einen halben Tag am Wochenende in meinen Gemüsevorgarten. Die Zeit reicht aus, um Aussaaten zu machen, gelegentlich Nachzügler zu betüddeln oder das größte Chaos in Schach zu halten.
Da ich durch meinen Gemüsevorgarten durch muss, wenn ich nach Hause komme, bin ich täglich mehrfach dort und habe alles gut im Blick. Klar gehe ich auch mehrfach raus, um zu Ernten – aber das ist für mich erst recht keine Gartenarbeit; schließlich ernte ich wenn ich mag, was ich mag. Zunächst habe ich auf diesen Satz stets geantwortet: „Was für den einen Arbeit ist, ist für den anderen Hobby.“ Das stimmt zwar, jedenfalls für mich, meine Zaun-Gesprächspartner haben das meist nicht verstehen können und die Gespräche entwickelten sich in von Pessimismus geprägten Leidensgeschichten, die meine Nachbarn im Garten erlebten. Inzwischen antworte ich mit: „Aber man hat auch viel davon!“ Da nicken alle begeistert und meine Gartenzaungespräche wurden zunehmend positiver. Ich drücke ihnen dann eine Paprika oder eine Gurke in die Hand und sie wandern freudig weiter.

Höchst verdattert guckte hingegen der Zeitungsjunge drein, als er nichts ahnend eines Samstagmorgens in der Straße die Zeitungen austrug. Gerade war meine Familie zu Besuch und wir plünderten das Gurkenbeet. Man, was waren da für große Exemplare bei! Ich hatte wohl meine Spendier-Hosen an: „Hier Schwesterherz, nimm gleich noch eine, Mama, die ist für dich und bring doch für Oma auch noch eine mit. Ah und du (ich meinte den Zeitungsjungen) magst du Gurken?“ Er guckte verdattert und äußerst überrascht, schüttelte aber den Kopf. „Gut, dann bring sie deiner Mama mit, die freut sich bestimmt!“ Nicht recht wissend, wie ihm geschah ging er mit seinen letzten Zeitungen und einer Gurke, die für eine ganze Familie reichte, weiter.

Nicht nur die Gurken bescherten uns mit üppiger Fülle. Als die Paprika erstmal in Fahrt waren, kamen wir nicht mehr gegen sie an. Gemeinsam mit meinem Bruder haben wir alles, was reif war geerntet und Kiloweise die Früchte ins Haus getragen. Ich hatte für ihn keinen Korb, der groß genug war, also musste für seinen großzügigen Anteil, als Dank fürs Helfen bei der Ernte, eine frische Mülltüte herhalten. Wenig appetitlich, aber funktional. Aber auch dann saßen mein Mann und ich auf einem Berg aus Paprika fest: „Ich kann ja mal was mit in die Firma nehmen.“
Dieser Satz von meinem Mann hat ihn von jetzt auf gleich bei seinen Kollegen zum Gemüseexperten gemacht und einen regen Tauschhandel losgetreten. Wir hatten begeisterte Abnehmer, die tatsächlich auch von sich aus fragten, ob wir nicht noch eine große Gurke hätten, der Kollege möchte gerne nochmal Schmorgurke machen. Er würde auch ein Glas Honig mitbringen. „Klar doch!!“

Gegen Herbst hin, wenn ich dabei war die letzten Gurken rein zu holen oder die Süßkartoffeln auszugraben, wurden die Gesprächs-Themen weitaus inhaltlicher und deutlich begeisternder. „Ach ich hab den ganzen Sommer über beobachtet, was Sie hier machen. Das wächst ja alles so schön hier! Toll, dass Sie das gemacht haben.“ Gelegentlich erzählten sie mir was sie selbst im Garten wachsen haben und so wurde ich immer öfter von meiner „Gartenarbeit“ abgehalten und schnackte über den Gartenzaun hinweg. Das macht mir viel Freude!
An einem regnerischen Tag, ich war natürlich mit Gummistiefeln und Regenjacke im Gemüsevorgarten zu finden, rief plötzlich eine Dame, die mit ihrem Hund aus dem Wald kam, rennenderweise über den Zaun hinweg: „Kind, Mensch, ab rein mit dir! Du holst dir noch den Tod.“ Bei meiner Antwort war sie schon vorbeigeflitzt, aber ich bin dann ihretwegen doch rein gegangen.

Fachliche Zaun-Diskussionen

Gartensuchtis sind eine Klasse für sich. Dass ich zu einer dieser Personen gehöre musste mein Mann feststellen, als mich Kollegen besuchten und wir durch meinen Garten spazierten. Zwischen dem Fachsimpeln über English Border, die kulinarischen Vorzüge von Hemerocallis-Blüten (die er liebevoll Schnabelblume nennt) oder bewunderndem Austausch, wessen Gemüse schon weiter ist, reichte er uns Kaffee und Gebäck und lauschte dem grünen Fachchinesisch.

Erstaunlicherweise leben die Dorfmenschen gar nicht hinter dem Mond, wie ich vor meinem Umzug hierher immer gedacht hatte. Ein Nachbar war höchst erfreut, als ich ihm zu der Paprika die ich ihm schenkte sagte, dass sie aus biologischem und nachbaufähigem Saatgut gezogen ist. Er erzählte mir von seinem Samenhändler des Vertrauens und hier wurde ich hellhörig. Zu meinen Samenkatalogen von Bingenheimer, Dreschflegel und Co. gesellte sich nun ein weiterer, den ich im Winter durchschmökern kann! Juhu!

Und genau das mache ich gerade. Ich sitze mit einer Tasse heißem Limonen-Tee vor dem Kamin, schaue gelegentlich auf das verregnete (endlich mal Regen!) Winterwetter und träume von den vielen neuen Sorten, die ich im nächsten Jahr anbauen möchte.

Hast du auch Pläne für das nächste Jahr? Ganz bestimmt.
Ich wünsche dir, dass alle deine Pläne und Wünsche im kommenden Jahr wahr werden und dass du alles was du dir vornimmst auch erreichst. Sylvestervorsätze können voller Vorfreude sein.
Mein größter Gartenwunsch für das nächste Gartenjahr ist jedenfalls mir eine Spalierobstwiese anzulegen. Hui, das wird ein Spaß!

Zum Abschluss des Gemüsevorgarten-Jahres 2022 habe ich dir alle 24 Aufnahmen zusammengefügt. Schau gerne nocheinmal durch die Galerie und sieh die Entwicklung im Schnelldurchlauf.

Hab nun einen wundervollen letzten Tag in 2022 und ein frohes neues Jahr!

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31.12.2022, Janina Haupt

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