Blümchensex

Hallo ihr Lieben,

für diesen Artikel habe ich Euch ein Thema mitgebracht, das oftmals mit „Bienchen und Blümchen“ simpel umschrieben wird. So simpel ist es für die Blümchen allerdings gar nicht.

Wir Menschen und die Tiere haben einen entscheidenen Vorteil in der Arterhaltung im Gegensatz zu Pflanzen. Wir sind mobil, können uns frei bewegen und auf unseren täglichen Routen nach geeigneten Vermehrungspartnern Ausschau halten. Pflanzen, bedingt durch ihre Verwurzelung zur Wasser- und Nährstoffaufnahme, können potentielle Liebhaber nur aus der Ferne bewundern, statt selber aktiv zu werden.
Oder doch?

In dem harten Kampf gegen das Aussterben haben sich Pflanzen im Laufe der Jahre immer wieder neue und ausgeklügelte Strategien zurechtgelegt. Dabei buhlen sie nicht um einen direkten Geschlechtspartner, sondern um einen Vermittler. Hier kommen die Bienchen ins Spiel; ebenso wie jegliche Art von Lebewesen, die in der Lage sind, die männlichen Pollen zur weiblichen Blüte zu transportieren.

Trotz ihrer hilfsbedürftigen Situation gibt es aber durchaus auch Pflanzen, die nur auf das eine ganz bestimmte Insekt aus sind. Ähnlich wie bei uns Menschen sind es diejenigen, die ihre große Liebe bereits gefunden haben und nichts anderes probieren wollen.
Es gibt besonders schüchterne Exemplare, die sich im Schatten verstecken, wie beispielsweise das Veilchen (Viola) und sich verziehen sobald eine stärkere Art sich breit macht. Diese haben es dann besonders schwer in der Vermehrung. Ähnlich schwierig hätten es die Selbstverliebten, die auch der Option der Selbstbefriedigung nicht skeptisch gegenüber stehen, aber glücklicherweise in der Lage zur Selbstbestäubung sind. Auch der Kreosotbusch (Larrea tridentata) verlässt sich lieber auf sich selbst anstatt Bestäuber zu betören. Er ist einer der Glücklichen der sich selber klonen kann. Außen an seiner Basis bilden sich immer neue Stämmchen, während die inneren und älteren absterben.

Dann gibt es aber auch solche, die jede Möglichkeit, die sich ergibt, nutzen und wenig wählerisch sind, um ihre Samen zu verbreiten; beispielsweise die Sonnenblume (Helianthus annuus), die ihre Blüten jedem dahergekommenen Insekt anbietet.
Besonders dreist sind solche Arten, die nicht einmal von Bestechung zurückschrecken. Die Nachtkerze (Oenothera drummondii) beispielsweise reagiert auf das Summen der Bienen und versüßt kurzerhand seinen Nektar. Die Zuckerkonzentration kann sich dabei innerhalb von drei Minuten um etwa 20% erhöhen. Als Insekt würde ich dann auch lieber zu dem süßeren Nektar fliegen.
Wiederum andere schrecken nicht vor giftiger Kriegsführung zurück um ihr Jagdrevier zu verteidigen. Dabei sondern sie Allelochemikalien aus, also Botenstoffe, die dem Empfänger dieser Stoffe schaden. In der Nähe wachsende Pflanzen haben keine Chancen mehr und die Siegerpflanze kann sich vor Bestäubern kaum noch retten.

Eine andere Strategie verfolgt der Adlerfarn (Pteridium aquilinium). Auch er vertraut weniger auf die Zuverlässigkeit der Insekten und lauscht dem Wind. Er produziert über und über winzige kleine Samen, die dann mit dem Wind fortgetragen werden um neue Standorte zu erobern. Masse statt Klasse, lautet sein Prinzip.
Die Blüten des nickenden Leimkrauts (Silene nutans) sind nur in lauschigen Sommernächten zu bestaunen. Wo sonst tagsüber die verschiedensten Konkurrenten um die Insekten schwärmen, eröffnet dieses erst nachts das Rotlichtmilieu. Aber glaubt nicht, dass es hier keine Konkurrenz gäbe. Auch nachts sind wir vor der Flirterei der Pflanzen nicht sicher. Ähnlich wie wir Menschen versucht es der Lerchensporn (Corydalis) mit fluoreszierenden Eigenschaften und taucht sich in stimmungsvolles Licht. Die Fetthenne (Sedum) lockt mit intensiven und nur für seine Zielgruppe wahrnehmbaren Düften.

So flattert und summt es in den Blüten der Pflanzen permanent: Tagsüber und nachts. Sie umbuhlen, flirten, umgarnen und verführen; sie betrügen oder bestechen alles was fliegen kann und keinen scheint das zu stören.

Das eine Pflanzenorgan, das wir Menschen so bewundern, uns an seiner farbenfrohen Leuchtkraft, seinem Duft oder seiner Größe und Fülle erfreuen, ist im Grunde nur das Geschlechtsorgan der Pflanze; und genau dieses wird von seinem Träger scharmlos in den Wind gehalten um auf sich aufmerksam zu machen. Auf Wiesen, in Parks und Gärten, auf den Balkonkästen und ja, auch in den Blumensträußen in unserer Küche.

Sollten wir uns nicht schämen, dass wir gerade dieses Organ an Pflanzen immer weiter in Größe und Farbenvielfalt hochzüchten oder dass wir in aller Öffentlichkeit unsere Nasen hineinstecken um den berauschenden Duft zu genießen?

Ein wenig Denkstoff für die nächsten zwei Wochen… Bis dahin!

Denjenigen, die sich (natürlich auf höchst wissenschaftlicher Art) für dieses Thema interessieren, kann ich das Buch von Michel Allaby „Blümchensex“ empfehlen. Auf recht amüsante Weise offenbart der Autor weitaus mehr Details, die im Verborgenen und doch direkt vor uns stattfinden.

TIPP:
Gartenbeleuchtung
Jetzt, wo die Tage merklich kürzer werden, lohnt es sich die Gärten stimmungsvoll zu beleuchten. Zu empfehlen sind netzgebundene Varianten mit Zeitschaltuhr.
Sehr modern sind derzeit sogenannte Moonlights. Große, runde, leuchtende Kugeln die überall im Garten verteilt werden können. Aber auch Strahler, Lichterketten oder Lampions erhellen die dunklen Herbstabende.
Energiesparende Möglichkeiten, beispielsweise durch Bewegungsmelder, sind ebenfalls sehr gerne gesehen.

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18.10.2020, Janina Haupt

2 Gedanken zu „Blümchensex

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